Projekt Hochschule Rotenburg (Wümme)

Vorbemerkung

Die Bedeutung des ländlichen Raumes als Wirtschaftsstandort wird oft übersehen. Dabei sind rund 60% der Betriebe und ein Großteil der mittelständischen Unternehmen, u.a. viele sogenannte „hidden champions“ in ländlichen Regionen beheimatet. Die Beschäftigung ist auf dem Lande stabiler und die Arbeitslosenquote liegt erheblich niedriger als in den Großstädten. Nur in zehn von 402 Landkreisen ist die Zahl der Arbeitsplätze im Jahr 2017 gesunken (FAZ, 09.10.18,S.11).

Für das Comeback des ländlichen Raumes sprechen zwei weitere wichtige Faktoren, die Demographie sowie die technologische Entwicklung.

Im Gegensatz zu früheren Bevölkerungsprognosen wird sich die Bevölkerungszahl Deutschlands in den nächsten Jahren nicht verringern. Die erheblichen Wohnungsprobleme in den Großstädten machen daher das Wohnen im Umland dieser Städte immer attraktiver. Die Digitalisierung des gesamten gesellschaftlichen Lebens wird neben der Veränderung innerhalb der Produktionsprozesse (Industrie 4.0) die ländlichen Regionen aufwerten. Durch flächendeckendes schnelles Internet (u.a. neuer Mobilfunkstandard G5) werden für Unternehmen Standorte in der Fläche attraktiver. Die steigenden Preise für Gewerbeimmobilien in diesen Städten kommen hinzu. Die Arbeitsplätze der Zukunft entstehen im Dienstleistungssektor, der im Gegensatz zum Industriesektor standortmäßig viel flexibler ist. Dieser Faktor ist ein weiterer Vorteil für den ländlichen Raum.

 

2. Ausgangslage

Die bundesdeutsche Wirtschaft sieht sich mit einem nie gekannten Mangel an qualifizierten Arbeitskräften konfrontiert. Das gilt nahezu für alle Wirtschaftsbereiche. Der Wettbewerb um die klügsten Köpfe wird vor Ort entschieden. In dieser Konkurrenzsituation haben im Moment die ländlichen Regionen klare Wettbewerbsnachteile. Qualifizierte Schulabgänger mit Fachhochschulreife bzw. Abitur verlassen den ländlichen Raum in Richtung Universitätsstädte und sogenannte „Schwarmstädte“ mit hohem Event-und Freizeitwert. Mit einem Angebot an Studienplätzen in Verbindung mit  zukunftssicheren Arbeitsplätzen der Unternehmen vor Ort kann diese Zielgruppe erreicht werden, weil auch familiäre und private Bindungen nicht aufgegeben werden müssen.

Eine Fachhochschule auf Basis eines Dualen Ausbildungssystems zwischen Betrieb und Hochschule ist eine große Chance.

3. Fachhochschule

Die Fachhochschule als zweiter akademischer Ausbildungsweg wurde 1968 von den westdeutschen Ministerpräsidenten eingeführt. Ihre Gründung gilt aus Meilenstein der bundesdeutschen Bildungspolitik. Die Fachhochschulen haben sich zu wissenschaftlichen Einrichtungen eigener Güte entwickelt, die mit den Unternehmen vor Ort praxistaugliche Studiengänge anbieten. Sie heißen deshalb heute auch „Hochschule für angewandte Wissenschaft“, in Englisch „Universities for Applied Sciences“.

Der sog. „Bologna-Prozess“ (Angleichung und Anerkennung von Hochschulabschlüssen in den Ländern der EU) mit ihren Bachelor- und Masterabschlüssen haben zur weiteren Aufwertung der Fachhochschulen und zur staatlichen Förderung von Forschungsvorhaben.

Im November 2018 hat sich die Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern über die Fortsetzung der Förderprogramme für Forschung und Transfer an Fachhochschulen geeinigt ( vgl. FAZ 21.11.2018,N4). Wegen dieses Hintergrundes ist die Neugründung einer Fachhochschule grundsätzlich der einer Berufsakademie vorzuziehen, die sich nur auf die Lehre beschränkt.

Fachhochschulen mit dualen Studiengängen sind besonders geeignet für eine Ausbildung im Betrieb und Studium. Erfolgreiche duale Studienangebote erfordern eines sorgfältige Vorbereitung seitens der Hochschule und der beteiligten Betriebe, um die gewünschte Verzahnung zwischen den Bedürfnissen der Betriebe und dem Lehrangebot seitens der Hochschule zu erreichen. Dieser tägliche Know-how-Transfer ist der größte Vorteil für die Betriebe vor Ort.

Und für die Studenten bedeutet ein in der Zukunft  sicherer Arbeitsplatz ein hohes Motivationspotential, das den Unternehmen zugute kommt. Außerdem kann eine Fachhochschule mit dualen Studiengängen viel leichter Berufstätige integrieren, die sich weiterbilden wollen bzw. müssen. Eine Ausdifferenzierung der Studienangebote auf die Bedürfnisse der berufstätigen Studenten erhöht zugleich die Attraktivität der Hochschule und damit des Standortes.

 

4. Standort

Die Stadt Rotenburg ist als Standort für eine Fachhochschule hervorragend geeignet. Allein die ökonomischen Rahmendaten sprechen eine deutliche Sprache. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze ist seit 2005 im Landkreis Rotenburg von ca. 42000 auf 54086 im Jahr 2018 (Stichtag 30.06.) gestiegen, die Arbeitslosenquote lag im Dezember 2018  bei sagenhaften 3.7% (Vergleich Nds.:5.0%, Bund :4.9%).

Die unterdurchschnittliche Arbeitslosenquote liegt neben des ausgewogenen Branchenmix natürlich auch an der geographischen Lage zwischen den Oberzentren Bremen und Hamburg. Der Landkreis hatte am 30.06.2017 13512 Einpendler, aber 23486 Auspendler. Die besonders günstige wirtschaftliche Situation der Stadt Rotenburg zeigt sich aber darin, dass bei insgesamt 13251 Arbeitsplätzen, immerhin ein Viertel des gesamten Landkreises, die Zahl der Einpendler die der Auspendler gewaltig übersteigt( 8232 gegenüber 3791). Das liegt neben der besonderen Rolle des Gesundheitssektors, eines der absoluten Wachstumsbranchen der Wirtschaft, natürlich an der herausragenden Verkehrslage der Stadt Rotenburg.

Neben den vier Bundesstraßen B-71- ,B-75, B-440, B-215 ,die sich in Rotenburg kreuzen, ist der Bahnhof an der Hauptverkehrsachse Bremen- Hamburg natürlich ein überragender Standortvorteil. Nicht nur, dass man im Halbstundentakt in 20/25 Minuten Bremen, in 50/60 Minuten Hamburg erreichen kann, sondern auch die Haltepunkte in den Grund-und Mittelzentren Sottrum, Ottersberg, Scheeßel ,Tostedt, Buchholz ermöglichen vielen Arbeitskräften den Weg nach Rotenburg. Der direkte Weg nach Verden über die Schiene( zur Zeit nur im 2-Stunden-Takt) ist ebenfalls zu erwähnen, zumal der Ausbau der Strecke Verden-Rotenburg in Zukunft die Taktfolge erhöhen wird.

Der Standortfaktor Verkehr ist  für den Aufbau einer Fachhochschule absolut entscheidend, weil die zukünftigen Studenten natürlich nicht nur aus dem unmittelbaren Einzugsbereich Rotenburgs kommen können (25% aller Studenten der HS 21 z.B. kommen aus Hamburg.) Sogar der Großraum Oldenburg ist durch diese Verkehrsinfrastruktur für Rotenburg ein potentieller Einzugsbereich.

Die Bevölkerung des Landkreises (2017: 163377 Einwohner ) und die der Stadt Rotenburg (2017: 21694 Einwohner) wächst, und auch die Beschäftigtenzahl wird nach einer Studie des Schweizer Prognos-Institutes bis 2030 überdurchschnittlich wachsen.

Die A 1 als Hauptverkehrsachse der Straße hat in der Vergangenheit an den BAB- Anschlussstellen Stuckenborstel, Elsdorf, Bockel, Sittensen Gewerbeansiedlungen, besonders die der Logistik- und Verkehrsbranche begünstigt. Der Standort Rotenburg hat durch seine Autobahnnähe durch diese Entwicklungen davon profitiert (vgl. die Ansiedlung von Thyssen-Schulte im Gewerbegebiet Hohenesch).

Generell ist der Standort Rotenburg im Städtedreieck Hamburg – Hannover-Bremen für Unternehmen interessant. Die hohen Miet- und Immobilienpreise in diesen drei Großstädten machen den ländlichen Raum, besonders in Bereich der suburbanen Regionen, mit seinen bezahlbaren Wohnraum noch attraktiver. Bezahlbarer Wohnraum ist heute ein neuer Standortfaktor für Unternehmen.

In Verbindung mit dem hohen Niveau der anderen Parametern Bildung, Gesundheit, Arbeit, Verkehr ist Rotenburg absolut zukunftsfähig.

Genauso entscheidend für die Chance einer Fachhochschule ist das Potential qualifizierter Schulabgänger. Die drei beruflichen Gymnasien in Zeven Verden und Rotenburg sowie die Gymnasien in Scheeßel, Rotenburg, Sottrum, Zeven, Achim und Verden sowie die IGS Achim bieten in diesem Zusammenhang eine solide Basis. Die neuen Arbeitsplätze entstehen schwerpunktmäßig im Dienstleistungssektor; auch hier ist Rotenburg, dessen Arbeitsplätze bereits heute schon über 85% in diesem Sektor liegen, gut aufgestellt.

 

5. Studiengänge

Nach Meinung von Dr.Stange, IHK Stade, der wesentlich am Aufbau der HS21 Buxtehude beteiligt war, ist zu Beginn die Konzeption von zwei Studiengängen ausreichend. Aufgrund der technologischen Entwicklung der Gesellschaft und den spezifischen wirtschaftlichen Ausgangsbedingungen in Rotenburg sind meiner Meinung nach nur der Studiengang  Gesundheitsmanagement /Pflege und ein Studiengang im Bereich der IT-Technik realistische Handlungsoptionen.

 

a. Studiengang Gesundheitsmanagement-Pflege

Kein anderer Ort in Deutschland  ist für diesen Studiengang so prädestiniert wie Rotenburg. In Rotenburg arbeiten über 6000 Menschen im Gesundheitssektor. Mit dem Agaplesion-

Diakonie-Klinikum, einem Krankenhaus der ersten Liga mit 18 Stationen, und den Rotenburger Werken beherbergt Rotenburg die beiden größten Arbeitgeber des Landkreises mit 2400 bzw. 1600 Arbeitsplätzen (2018).Die Zahl der niedergelassenen Ärzte inklusive großer Gemeinschaftspraxen (Urologisches Zentrum, Kardiologisches Zentrum, Dr. Hancken-Klinik u.a.) ergänzt Rotenburgs Rolle als Medizinzentrum.

Die Lebenshilfe Rotenburg-Verden sowie unzählige Pflegeheime machen neben Rotenburger Werken Rotenburg auch zu einem Pflegestandort erster Güte. Der Gesundheitssektor ist aufgrund des demographischen Wandels und des medizinischtechnischen Fortschritts einer der absoluten Wachstumsbranchen, hinzukommt, dass der Mangel an qualifizierten Mitarbeitern in diesem Bereich noch größer ist als in anderen Wirtschaftszweigen.

Die Politik hat auf diesen Zustand reagiert. Die Deckelung der Pflegekosten ist ab 01.01.19 durch die Krankenkassen aufgehoben, ab 01.01.2020 gibt es eine 1:1 Finanzierung durch die Krankenkassen für die Ausbildungsmaßnahme „3 Jahre am Bett“, der sich ein akademischer Studiengang anschließen kann.

Diese sog. „Akademisierung der Pflege“, die in den nächsten Jahren bundeseinheitlich geregelt wird, kommt unseren Plänen entgegen. Die bestehende Heilerziehungspflege - Schule der Rotenburger Werke mit ca. 180 Schülern gilt als absolute Topadresse in Norddeutschland und bietet erhebliches Potential für einen Studiengang der Pflege, der auch Module der Ökonomie (Betriebswirtschaft), des Personalwesens und der Ethik (Menschenbild) enthalten müsste.

Die Praxisorientierung (u.a. Prozessorganisation im Krankenhaus) muss Schwerpunkt eines solchen Studienganges werden.

Das Agaplesion Diakonie-Klinikum, das Mutterhaus, die Rotenburger Werke, die Lebenshilfe Rotenburg-Verden, um die wichtigsten Anbieter gesundheitlicher bzw. pflegerischer Leistungen zu nennen, müssen ihre inhaltlichen Vorstellungen bezüglich eines solchen Studienganges konkretisieren.

Auch über eine Kooperation mit der Hochschule 21, die bereits drei Studiengänge im Fachbereich Gesundheit anbietet, muss nachgedacht werden. Die HS 21 bietet einen dualen achtsemestrigen Studiengang Hebamme, einen dualen achtsemestrigen Studiengang Pflege (Gesundheitspflege/Kinderkrankenpflege/Altenpflege sowie einen dualen siebensemestrigen Studiengang Physiotherapie an.

b. Studiengang im IT-Bereich

Auf dem Neujahrsempfang der Rotenburger Werke am 28.01.2019 wurde der Pflegeroboter „ Berta“ der Kieler Universität vorgestellt. Dieses Beispiel zeigt den Einzug der digitalen Technik auch schon im Bereich der Pflege.

Die gesellschaftliche Digitalisierung ist nicht aufzuhalten, weder im Produktionsbereich (Stichwort: Industrie 4.0) noch im Dienstleistungssektor (Stichwort: Künstliche Intelligenz). Durch diese Entwicklung braucht heute jedes Unternehmen qualifizierte Informatiker. Auch wenn eine Verzahnung zwischen IT – und Gesundheitssektor bezüglicher einiger modulartiger Studieneinheiten spannend und auch wünschenswert wären, die Schwerpunkte eines IT-Studienganges müssten in den Bereich Rechnungswesen, Warenwirtschaft, Logistik, Lohnbuchhaltung, Personalwirtschaft u.a liegen.Duale Studienangebote vor Ort müssen den Anspruch, Fach-und Nachwuchsführungskräfte für die Region auszubilden, einlösen.

Die von mir kontaktierten Firmen, in der Regel mittelständische Unternehmen, haben genau diese Inhalte für einen IT-Studiengang für entscheidend gehalten. Ein solcher Studiengang bietet auch die Chance, Unternehmen, die nicht per se wie Mesonic, Land-Data oder die Rocongruppe im Software-Bereich tätig sind, für diesen Studiengang zu begeistern.

Ein solcher Studiengang müsste die Schnittstellen zwischen Informatik und Betriebswirtschaft ausloten und die konkreten Bedürfnisse der Unternehmen vor Ort berücksichtigen. Ob andere Inhalte wie z.B die Drohnentechnologie (nach Meinung der Bundesregierung ein „industriepolitisches Kernthema“ (FAZ 13.02.2019) aufgrund des Standfaktors des Rotenburger Flugplatzes interessant wären, müsste die Diskussion am 19.März zeigen.

6. Die Lage im März 2019

Das Thema „Studienorte in der Fläche“ ist in Politik und Wirtschaft angekommen. Der niedersächsische Landkreistag hat in einem Positionspapier vom 07.03.2019 mehr Hochschulstandorte in den ländlichen Räumen gefordert.Im unserem Nachbarkreis hat am 18.März eine Informationsveranstaltung der Leibniz -Fachhochschule Hannover bei DESMA Schuhmaschinen GmbH stattgefunden, mit dem Ziel einen Studienort Achim mit den Dualen Studiengängen Wirtschaftsinformatik (Entwicklung), IT-Security und Embedded Automation Design aufzubauen. Bereits am 05.03.2019 hatte der nds. Ministerpräsident Stephan Weil von einem den Wunsch des Landkreises Verden nach einer  Fachhochschule berichtet. (Rotenburger Rundschau vom 06.03.2019).

Die Veranstaltung des RWF–Vorstandes am 19.03.19 in Rotenburg mit 4 IT-Firmen und 3 Dienstleistern im Gesundheitswesen ließ großes Interesse an einer Fachhochschule mit den vom RWF favorisierten Studiengängen erkennen. Über Drohnentechnologie/Flugplatz wurde nicht diskutiert.

Bezüglich IT-Studiengang wird ein zeitnaher Termin mit der FH Leibniz-Hannover angestrebt

(RWF plus 8 IT-Firmen), bezüglich IT Gesundheit/Pflege ein Arbeitstermin mit Prof.Zündel/Bremen (RWF plus 5 Dienstleister aus dem Gesundheitswesen).

 

Friedhelm Horn

20.03.2019

 

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